Dein Kunde verlangt ein TISAX®-Label – oft ist von einer „TISAX®-Zertifizierung“ die Rede, gemeint ist dasselbe. Du fragst dich, was da auf dich zukommt? Hier bekommst du den Überblick: was TISAX® wirklich ist, wie das Assessment abläuft, welches Level du brauchst und wo Projekte typischerweise ins Stocken geraten.
Ist TISAX® eine Zertifizierung?
Nein. Umgangssprachlich heißt es oft so, aber TISAX® ist ein Assessment, und am Ende steht ein Label, kein Zertifikat. Das steht so im Teilnehmerhandbuch der ENX Association.
Der Unterschied ist mehr als Wortklauberei. Ein Zertifikat, wie bei ISO 27001, ist ein Dokument, das du an die Wand hängen und jedem zeigen kannst. Ein TISAX®-Label liegt dagegen in der Plattform der ENX. Dort gibst du dein Ergebnis gezielt für die Unternehmen frei, die es sehen sollen. Öffentlich ist es nicht. Wie sich beides im Detail unterscheidet und wann du was brauchst, liest du im Vergleich TISAX® oder ISO 27001.
TISAX® steht für „Trusted Information Security Assessment Exchange“. Das letzte Wort ist der Kern: Statt dass jeder Autohersteller jeden Zulieferer selbst prüft, wird einmal geprüft und das Ergebnis vielen Kunden zugänglich gemacht. Die Fragen dafür kommen aus dem Katalog VDA ISA des Verbands der Automobilindustrie.
Wer braucht TISAX® – und wer verlangt es?
Du brauchst TISAX®, wenn dein Kunde aus der Automobilindustrie es verlangt. Das betrifft nicht nur Teilefertiger, sondern jeden, der mit vertraulichen Informationen, Prototypen oder personenbezogenen Daten eines Herstellers oder Zulieferers arbeitet.
Typische Beispiele aus der Praxis:
- Zulieferer, die Konstruktionsdaten oder Zeichnungen ihres Kunden bekommen,
- Entwicklungs- und Ingenieurdienstleister,
- Agenturen, Fotografen und Eventdienstleister, die Prototypen zu sehen bekommen,
- IT-Dienstleister und Rechenzentren, die Daten für Automobilkunden verarbeiten,
- Logistiker, die Prototypenteile transportieren oder lagern.
Wie verbreitet das ist, zeigt eine Zahl der ENX: In zehn Jahren TISAX® wurden über 21.000 Standorte geprüft. Für dich zählt aber nur eine Frage: Steht die Anforderung im Vertrag, in der Lieferantenfreigabe oder in einer E-Mail deines Kunden? Dann brauchst du das Label – meist mit einer Frist.
Wie läuft das TISAX®-Assessment ab?
In sechs Schritten: Anforderung klären, bei der ENX registrieren, Prüfdienstleister anfragen und beauftragen, vorbereiten und selbst einschätzen, Assessment, Label erhalten und teilen. Die ersten vier Schritte liegen bei dir, die Prüfung macht ein unabhängiger Prüfdienstleister.
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Anforderung klären
Dein Kunde nennt die Prüfziele, die er von dir braucht. Daraus ergeben sich Umfang und Assessment-Level.
- Ergebnis
- Prüfziele, Standorte und Frist schwarz auf weiß
- Dein Aufwand
- ein Gespräch mit deinem Einkäufer oder Ansprechpartner beim Kunden
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Bei der ENX registrieren
Du registrierst dein Unternehmen im ENX-Portal und legst den Assessment-Scope fest: Standorte, Prüfziele, Ansprechpartner.
- Ergebnis
- registrierter Scope mit Scope-ID
- Dein Aufwand
- Firmendaten bereitlegen; die Registrierungsgebühr zahlst du an die ENX
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Prüfdienstleister anfragen und beauftragen
Gleich nach der Registrierung holst du Angebote bei zugelassenen Prüfdienstleistern ein – sie haben Vorlaufzeit. Wer dich beraten hat, scheidet aus.
- Ergebnis
- Auftrag und abgestimmte Termine
- Dein Aufwand
- Angebote vergleichen, Termine abstimmen
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Vorbereiten und selbst einschätzen
Du gehst den Fragenkatalog VDA ISA durch, schließt Lücken und füllst die Selbsteinschätzung ehrlich aus.
- Dauer
- vom Auftakt mit dem Prüfdienstleister bis zur Abgabe der Selbsteinschätzung meist 1 bis 3 Monate, teils bis 6 (ENX-Handbuch)
- Ergebnis
- ausgefüllte Selbsteinschätzung mit Nachweisen
- Dein Aufwand
- der größte Teil der Projektarbeit – mit Begleitung deutlich weniger
-
Assessment
Prüfen tut der Prüfdienstleister
Bei AL2 prüft der Prüfdienstleister deine Nachweise auf Plausibilität und führt Interviews per Videokonferenz. Bei AL3 prüft er gründlich und vor Ort.
- Ergebnis
- Bericht mit Feststellungen
- Dein Aufwand
- Ansprechpartner für Interviews und Begehung bereithalten
-
Label erhalten und teilen
Prüfen tut der Prüfdienstleister
Gibt es Abweichungen, setzt du Maßnahmen um. Danach erscheint dein Label im ENX-Portal, und du gibst es für deinen Kunden frei.
- Dauer
- Abweichungen spätestens 9 Monate nach dem Abschlussgespräch beheben (ENX-Handbuch)
- Ergebnis
- TISAX®-Label, drei Jahre gültig
- Dein Aufwand
- Maßnahmen umsetzen, Ergebnis freigeben
Die meiste Zeit steckt in Schritt 4. Wie lange er dauert, hängt von deiner Ausgangslage ab. Hast du schon ein Managementsystem für Informationssicherheit, etwa nach ISO 27001, geht es deutlich schneller. Startest du bei null, kommt Vorbereitung vor dem Auftakt mit dem Prüfdienstleister dazu. Anfragen solltest du ihn trotzdem früh: Wer erst nach der Vorbereitung Kontakt aufnimmt, riskiert laut ENX-Handbuch eine unnötige Verzögerung.
Welches Assessment-Level brauchst du – AL2 oder AL3?
Das Level ergibt sich aus den Prüfzielen, die dein Kunde verlangt. Für hohen Schutzbedarf reicht AL2. Für sehr hohen Schutzbedarf, Prototypenteile und Prototypenfahrzeuge sowie besonders schützenswerte personenbezogene Daten gilt AL3. Erprobungsfahrzeuge sowie Veranstaltungen und Shootings mit Prototypen laufen mit AL2.
Der Unterschied liegt in der Tiefe der Prüfung. Bei AL2 prüft der Prüfdienstleister deine Selbsteinschätzung auf Plausibilität und spricht per Videokonferenz mit deinem Verantwortlichen für Informationssicherheit. Bei AL3 prüft er gründlich, sieht sich Unterlagen und Abläufe an, führt Interviews vor Ort und begeht deine Räume.
| Merkmal | AL2 | AL3 |
|---|---|---|
| Selbsteinschätzung | nötig | nötig |
| Nachweise | Plausibilitätsprüfung | gründliche Prüfung |
| Interviews | per Videokonferenz | persönlich vor Ort |
| Begehung vor Ort | nur auf Wunsch | Pflicht |
| Prüfaufwand (kleines Unternehmen, ein Standort) | grob 3,5 bis 4 Personentage | etwa 5 bis 6 Personentage |
| Prüfziel | Worum es geht | Level |
|---|---|---|
| Vertraulich | Informationen mit hohem Schutzbedarf | AL2 |
| Streng vertraulich | Informationen mit sehr hohem Schutzbedarf | AL3 |
| Hohe Verfügbarkeit | Leistungen, die dein Kunde verlässlich braucht | AL2 |
| Sehr hohe Verfügbarkeit | Leistungen, deren Ausfall deinen Kunden sofort trifft | AL3 |
| Prototypenteile und -komponenten | Umgang mit Prototypenteilen | AL3 |
| Prototypenfahrzeuge | Umgang mit ganzen Prototypenfahrzeugen | AL3 |
| Erprobungsfahrzeuge | Fahrzeuge im Test, etwa auf der Straße | AL2 |
| Veranstaltungen und Shootings | Prototypen bei Präsentationen, Foto- und Filmaufnahmen | AL2 |
| Datenschutz | personenbezogene Daten im Auftrag deines Kunden | AL2 |
| Datenschutz mit besonderen Kategorien | besonders schützenswerte personenbezogene Daten | AL3 |
Quelle: ENX Association, TISAX® Participant Handbook, Version 2.8 vom 13.03.2025 – in eigenen Worten zusammengefasst. Bis zum 31.03.2024 hießen die Prüfziele zur Vertraulichkeit „Info hoch“ und „Info sehr hoch“; in älteren Anforderungen deines Kunden findest du noch diese Namen.
Daneben gibt es AL1. Dabei wird nur geprüft, ob eine Selbsteinschätzung vorliegt. Für TISAX®-Labels spielt AL1 keine Rolle. Und es gibt eine Mischform: AL2 ganz aus der Ferne, das sich später zu AL3 ausbauen lässt. Ob das für dich passt, klärst du mit deinem Prüfdienstleister.
Wie lange gilt das Label – und was passiert bei Abweichungen?
Ein TISAX®-Label gilt drei Jahre. Findet der Prüfdienstleister Abweichungen, hast du höchstens neun Monate Zeit, sie zu beheben. Bis dahin kann es ein vorläufiges Label geben.
Abweichungen sind kein Weltuntergang. Für kleinere Abweichungen erstellst du einen Maßnahmenplan. Dauert eine Maßnahme länger als drei Monate, musst du die Frist begründen, ab sechs Monaten belegen, dass es nicht schneller geht. Spätestens neun Monate nach dem Abschlussgespräch des ersten Assessments muss alles umgesetzt sein, sonst gibt es kein Label.
Das vorläufige Label gilt so lange wie deine längste Umsetzungsfrist. Für viele Kunden reicht es, um die Zusammenarbeit fortzusetzen. Frag aber vorher nach, ob dein Kunde das akzeptiert.
Allein schließen musst du die Abweichungen nicht. Ein Berater kann mit dir einen Maßnahmenplan erarbeiten, den der Prüfdienstleister kennt, und dich bis zur Nachprüfung begleiten – auch wenn du das Assessment ohne ihn vorbereitet hast. Umsetzen muss dein Team im Betrieb selbst, und über das Ergebnis entscheidet der Prüfdienstleister. Wie das bei GEFIM läuft: Nacharbeit nach dem Assessment.
Wer darf prüfen – und warum nicht dein Berater?
Prüfen dürfen nur Prüfdienstleister, die die ENX zugelassen hat. Und keiner von ihnen darf dich prüfen, wenn er dich vorher beraten hat. So bleibt das Ergebnis unabhängig.
Für dich heißt das: Beratung und Prüfung kommen immer von zwei verschiedenen Unternehmen. Die Liste der zugelassenen Prüfdienstleister veröffentlicht die ENX auf ihrer Website. Hol dir mehrere Angebote ein, und frag nach freien Terminen. Die ENX empfiehlt ausdrücklich, früh Kontakt aufzunehmen, weil Prüfdienstleister eine gewisse Vorlaufzeit haben.
Dein Berater kann dich trotzdem am Prüftag begleiten. Er sitzt neben dir, hilft beim Finden von Nachweisen und übersetzt Fragen in die Sprache deines Betriebs. Bewerten darf er nichts.
Woran scheitern TISAX®-Projekte am häufigsten?
Selten an der Technik, meist an der Planung: falscher Umfang, unklare Prüfziele, zu späte Terminanfrage und eine Selbsteinschätzung, die schöner ist als die Wirklichkeit.
- Prüfziele nicht geklärt: Wer AL3 vorbereitet, obwohl AL2 reicht, zahlt drauf. Wer AL2 vorbereitet und AL3 braucht, muss nachlegen.
- Umfang zu groß oder zu klein: Jeder Standort im Scope wird geprüft. Ein Standort, den dein Kunde braucht, darf aber auch nicht fehlen.
- Termin zu spät angefragt: Die Frist deines Kunden wartet nicht auf freie Prüfer.
- Papier statt Praxis: Richtlinien, die niemand kennt, fallen im Interview auf. Geprüft wird, was gelebt wird.
- Neuer Katalog übersehen: Assessments, die ab dem 1. Januar 2027 beauftragt werden, laufen nach VDA ISA 2027.
Und falls sich dein Kunde auch nach NIS2 erkundigt: Was ISO 27001 und TISAX® dafür leisten – und was nicht – liest du im NIS2-Ratgeber auf nis2-berater.de.
Klingt nach deinem Betrieb?
Dein Kunde hat ein Label angefordert und du willst wissen, wie du dorthin kommst? Auf der Seite zur TISAX®-Beratung bekommst du in fünf Fragen deine Preistendenz und siehst, was die Begleitung bis zum Assessment umfasst.
TISAX®-Beratung: Preistendenz und Begleitung
Wenn du zuerst wissen willst, wo du stehst: Dort findest du auch den TISAX®-Readiness-Check, in dem ihr den Fragenkatalog VDA ISA gemeinsam ausfüllt, und die Preistendenz in 5 Fragen.
Häufige Fragen
Bekomme ich ein Dokument, das ich vorzeigen kann?
Nein. Ein Zertifikat stellt die ENX bewusst nicht aus. Dein Label siehst du im ENX-Portal. Dort gibst du dein Ergebnis für die Unternehmen frei, die es sehen sollen – einzeln oder für alle TISAX®-Teilnehmer. Dass du an TISAX® arbeitest, darfst du trotzdem erwähnen.
Wie lange dauert es bis zum TISAX®-Label?
Das hängt vor allem von deiner Ausgangslage ab. Allein vom Auftakt mit dem Prüfdienstleister bis zur Abgabe der Selbsteinschätzung rechnet das ENX-Handbuch meist mit einem bis drei Monaten. Fehlt noch ein Managementsystem, kommt die Vorbereitung davor dazu.
Kann ich mein Assessment-Level selbst wählen?
Nur indirekt. Dein Kunde legt fest, welche Prüfziele er braucht, etwa Prototypenschutz oder sehr hohen Schutzbedarf. Aus den Prüfzielen ergibt sich das Level. Frag deshalb zuerst nach der genauen Anforderung, bevor du registrierst.
Darf mein Berater mich auch prüfen?
Nein. Wer dich beraten hat, darf dich als Prüfdienstleister nicht prüfen. So bleibt das Assessment unabhängig. Dein Berater kann dich aber am Prüftag begleiten und Fragen mit dir vorbereiten.
Was passiert, wenn der Prüfer Abweichungen findet?
Bei kleineren Abweichungen erstellst du einen Maßnahmenplan. Bis die Maßnahmen umgesetzt sind, kann es ein vorläufiges Label geben. Spätestens neun Monate nach dem Abschlussgespräch muss alles behoben sein, sonst gibt es kein Label.
Quellen
Geschrieben von
Marcel Hofmann
Geschäftsführer der GEFIM · Zuständig für: Informationssicherheit und externer ISB
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TISAX® ist eine eingetragene Marke der ENX Association.